3. Dezember 2010

Zum Schein ist eine Scheinausstellung und ist auf dem Medium Schein – sollte das bisher kein Medium gewesen sein, erklären wir es kurzerhand dazu. Das war die Idee. Aber alles ist Schein. Es ist keine wirkliche Scheinausstellung, es ist in der Tat eine Ausstellung und sogar eine recht klassische geworden. Das mit dem „auf Schein“ haben die Mittuenden auch eher großzügig aufgefaßt. Irgendwo las ich von einer „Gruppenshow“, aber diejenigen, die hierzu beigetragen haben, als Gruppe zu bezeichnen, wäre zu weit gegriffen – Wollte man allerdings eine Gemeinsamkeit aus solch zufälligen Eckpfeilern wie Musik, Berlin, Kunst und Untergrund ziehen, dann vielleicht ja, aber da hätte man die Kreise noch viel unendlicher ausdehnen können. Wir haben uns auf die Nummer 22 geeinigt, und die Geschichte dahinter ist alles andere als zufällig und objektiv, und wenn man auch von keiner Gruppe sprechen kann, so gibt es doch einen logischen Zusammenhang:
Ich lernte Chrizzi über ihre Krakelzeichnungen kennen, mit denen sie ihre Gigs bewarb und oder auch nur so auf Myspace postete, zufällig auch da, wo ich postete. Mir gefiel ihr Name, Hilde Tropengold. Dann war sie weg und ich konnte sie nicht mehr finden. Ich traf einmal einen Bekannten von mir, einen Schlagzeuger einer lauten Berliner Band, der hatte eine Freundin, aber da wußte ich nicht, daß es Hilde Tropengold war. Irgendwann brachte ich die Punkte zusammen und irgendwann war auch Chrizzi wieder da oder vielmehr ihre Zeichnungen, die sie überall postete, nur nicht bei mir. Da ich irgendwann einmal aus purer Verzweiflung, Naivität , Größenwahn, künstlerischer Unzurechnungsfähigkeit, oder allem zusammen, angefangen hatte, Konzerte zu organisieren und Clubs zu suchen bis die Clubs mich suchten und ich noch mehr Konzerte machen mußte, und dann auch Ausstellungen und Filme dazukamen, lag es nah, nachdem ich wußte, was Hilde Tropengold war, und daß es zurück war, daß ich es haben mußte. Einer der vielen Fälle, wo ich das Bild vor der Musik mochte.
Die künstlerisch visuelle Seite ließ sich bei dem, was ich wollte, immer schwerer umsetzen, als die musikalische, obwohl es in Berlin so viel einfacher ist, sich einen stillen Raum zu nehmen, als einen zu finden, wo man ein Schlagzeug spielen darf – Ich kannte einfach keine Künstler! Es gab Einzelausstellungen, aber die Sachen kamen von Musikern, die auch an dem Abend auftraten. Vor zwei, bald drei Jahren, machte ein Bassist einer lange nicht mehr existierenden Band eine Galerie auf, um Bands spielen zu lassen, aber dafür reichte, wie immer in solchen Fällen, die Konzession nicht. Die Nachbar duldeten den Geräuschpegel der Kunst auch nicht sehr lange und auch dieser Ort ist schon wieder Geschichte. Da er mich nach Bands fragte, fragte ich ihn, ob ich auch was hängen dürfte? Er sagte ja, ich hatte zwei Wochen und suchte mir zwei Bekannte, die ich über die Musik kannte und die etwas „Kunst“ machten, d.h. Beide hatten noch nicht vorher ausgestellt. Ich hingegen schon, aber nur allein. Das war die erste „Gruppenschau“. Aus einmal wird Tradition und also folgte die nächste letztes Jahr. Eine befreundete Band, Myriad Creatures, mußte ihren abrißfälligen Proberaum in der Friedrichstraße räumen, da ich Chuckamuck überreden sollte auf der letzten Party zu spielen und das ganze Gebäude leer stand und ich Chuckamuck vor jetzt ungefähr drei Jahren über Oskas Flyer lieben – und kennenlernte, erinnerte ich mich auch an Chrizzi und fragte sie, ob sie nicht Lust hätte mit Oska und mir ein paar Wände zu behängen. Das war Chrizzis erste Schau, aber da es ihr offensichtlich gefallen hatte oder da der Ehrgeiz in ihr erwuchs, sich nicht mehr hinter Hilde zu verstecken, rief sie mich dieses Jahr an, ob ich nicht im Neurotitan mit ausstellen wollte. Neurotitan – das war erste Liga, das hieß ein Experiment von verschimmelten Wänden an den Kunstolymp erheben, aber Neinsagen liegt mir auch wenig. Mit sehr wenig Zeit mußten wir nur die Wände vollkriegen, und so setzte sich die süße Tradition fort. Ich schlug Maebh vor, der ich auch die Möglichkeit gegeben hatte, eine Flyer für ihre Band zu zeichnen. Und Oska mußte sowieso dabei sein. Damit war die Achse vorgegeben oder das ungeschriebene Manifest: Ich hatte alle über Flyer, Zeichnungen kennengelernt und wahrgenommen, einhergehend mit Musik und einer bestimmten unangepassten, eigenen Haltung. In der formatierten Sauce des Internets und der Hochglanzoberflächlichkeit des Alltagserscheinungen, versuchten Leute ihren eigene Note beizubehalten und das Gegebene mit ihrer Handschrift umzuformen. Und allen war gemeinsam: keiner hatte je eine Kunsthochschule von innen gesehen und keiner gehörte irgendeiner Kunst- oder Sonstwie-Szene an, nur der Musikszene Berlins, die unendlich groß und verschieden ist, und da wieder von denen am Rande (seit einem Monat hat Oska aufgegeben und geht zur Kunsthochschule). Die anderen Leute, die wir dabei haben wollten, fielen uns recht schnell ein, obgleich die Liste derer, die teilnehmen weit kürzer ist, als die, die wir hätten auch noch fragen können: Francoise Cactus, stellt manchmal in kleinen Läden aus, Zeichnungen auch, neben ihrer weltweiten Bekanntheit als Schlagzeugerin von Stereo Total, und treibt sich noch immer viel im Untergrund herum, um neue Bands zu sehen, Gordon Raphael, bekannt als Produzent der Strokes, entdeckte ich wieder als Musiker und etwas später stellte er auch Kunst in Berlin aus, daher mußte er dabei sein, denn er zeichnet auch gern, Ludwig Plath nahmen wir in den Kreis derjenigen auf, die mehr Bilder zeigen dürfen, als die anderen, die vielleicht schon bekannter sind, da ich seine Zeichnungen, die ich über seine Musik und seinen Blog fand, sehr mochte und ihm viel Potenzial zubillige und er auch Zeichnung mehr als andere visuelle Medien exponiert, Jim Avignon mußte dabei sein als Musiker, bekannt als Neoangin, und Künstler und Nonkonformist und plakativer Maler, der zwar berühmt ist, aber immer noch versucht, Teil des, wie wir es nennen, Untergrunds zu bleiben, Freedarich, als Hälfte von Mittekill, zeichnete und machte Comics, die Liste ist lang, Nora machte Flyer für Veranstaltugen, Deacon macht nur manchmal „Kunst“, aber zeichnet viel an der Bar mit seinen Kunden um fünf Uhr morgens, Brian malt und veranstaltet und macht Musik, Richard von der Schulenburg kritzelt seine eigenen Flyer, usw. usf.. Wir hätten gern die Künstler auf das Ausland ausdehnen können, abgesehen von denen, die überall wohnen und den Zugezogenen, die teilnehmen, insbesondere den USA, wo viele zuerst auf die art school gehen, ehe sie eine Band gründen und wo das DIY oder die Liebe zur handgemachten Gestaltung mitunter ausgeprägter ist, und die auch zur Kultur Berlins beitragen, in dem sie touren oder einfach durch das Internet oder welche auch immer Präsenz; beispielhaft haben wir nur Tomas del Balso mit dazugenommen, einer der Köpfe der canadischen Band dd/mm/yyyy. Nach unten ist die Grenze auch offen, Dennis ist sechzehn, aber macht auch Kunst und Musik – Ich hatte auch irgendwo von Doppelbegabung gelesen – um die Begabung geht es uns nicht besonders, sondern um das Tun und das etwas entsteht. Wir setzen sogar das Dilettantische, aber Echte, höher als das Ausgefeilte und Tote, ohne dabei mit dem kleinen Kunstkreis der Achtziger in Verbindung gebracht werden zu wollen, denn klein und überschaubar, oder gar homogen ist keine Szene mehr – es gibt keine Szene, höchstens viele, und das hier ist ein Versuch das etwas zu beleuchten. Und nein, wir werden keine Flyer zeigen! Die kann man da sehen, wo sie zu sehen sein sollten. Wir hätten auch dahingehend die Ausstellung ausbauen können, Posterkunst und Street Art, aber diesmal nur Schein! Linie und Narration, und ein paar Leute, die schon eine Weile hier unterwegs sind, aber die man vielleicht wiederholt oder das erste mal als Künstler oder „Künstler“ wahrnehmen sollte. Gruppe nein, aber jeder kennt irgendwen, der wen anders kennt, und irgendwo liefen die Fäden oft kreuz, und es hilft Leute wahrzunehmen, die etwas ähnliches wollen – und etwas machen!
Wir danken von Herzen den sehr lieben und hilfreichen Menschen des Neurotitan, daß sie uns den Raum gegeben haben, denn damit fängt alles an und hört alles auf – und daß man ihn behauptet, und eine schlichtes Papier kann das auch. Danke an alle!

J


by brian